Startseite Theologie Die Bibel: Ist sie richtig überliefert?

Die Bibel: Ist sie richtig überliefert?

Kannst du unserer heutigen Bibel vertrauen?

von Andi
Ein Teil des Papyrus 66, das fast das gesamte Johannesevangelium enthält

Das ist Teil 2 zu meiner Artikelserie über die Bibel. Teil 1 findest du hier: Die Bibel – ist sie glaubwürdig? Wenn du glaubst, dass die Bibel Tatsachen berichtet, stellt sich die nächste Frage: Wurde die Bibel richtig überliefert? Haben wir mit unserer Bibel den verlässlichen Text vorliegen, so wie er damals geschrieben wurde? Kritiker behaupten, der Text wurde im Lauf der Jahrhunderte verfälscht. Können wir den heutigen Übersetzungen vertrauen? Diesen Fragen widmen wir uns jetzt.

1. Die Überlieferung des Alten Testaments

Mario Wahnschaffe erläutert in seinem Buch (siehe unten, S. 84-92), warum wir dem Text des Alten Testaments vertrauen können. Ich möchte diese Gedankengänge hier kurz zusammenfassen:

Jahrhundertelang war die älteste vollständige Bibel des Alten Testaments (= der hebräischen Bibel, des Tanach) der Codex Leningradensis (1008 n. Chr.). Die älteste Grundlage dieses Textes stammte aus 895 n. Chr. (der Kairo-Codex).

Man bezweifelte aufgrund dieser jungen Schriften die ordentliche Überlieferung der Texte. Bis dann zwei Funde die Richtigkeit der Überlieferung bestätigten:

1.1 Qumran Funde: Die Jesajarolle als Beweis für zuverlässige Überlieferung

In einer Höhle in Qumran am Toten Meer fand man in den 1950er Jahren ca. 200 Texte der hebräischen Bibel. Unter den Funden war ein vollständig erhaltene Jesajarolle mit dem kompletten Text. Man datiert diese Rolle auf ca. 200 v. Chr., sie ist ca. 1100 Jahre älter als der bisher älteste Text von 916 n. Chr. (der Prophetencodex von Leningrad)! Ein Vergleich mit dem Text, den wir heute in der Bibel lesen können ergab, dass der Text sehr zuverlässig überliefert ist:

Schauen wir uns an einem Beispiel an, wie genau der Text überliefert wurde:

“Von den 166 Wörtern in Jesaja 53 sind nur 17 Buchstaben fraglich. Zehn dieser Buchstaben betreffen lediglich die Rechtschreibung, ohne Einfluss auf die Bedeutung. Vier weitere Buchstaben sind geringfügige stilistische Veränderungen, z.B. Konjunktionen. Die restlichen drei Buchstaben ergeben das Wort ‘Licht’, welches in Vers 11 hinzugefügt wird, aber die Bedeutung nicht sehr beeinflusst. … Somit gibt es in einem Kapitel von 166 Wörtern nur ein Wort (mit 3 Buchstaben), das nach 1000 Jahren der Überlieferung in Frage steht – und dieses Wort ändert die Bedeutung der Schriftstelle nicht sonderlich.”

Geisler/Nix: A General Introduction to the Bible” (Moody Press 1968, S. 263)

Das im Zitat erwähnte hinzugefügte Wort wird außerdem durch eine weitere Schriftrolle aus der Qumranhöhle und durch die Septuaginta bestätigt, sodass man davon ausgehen kann, dass dieses Wort den Orginaltext widerspiegelt.

Mich freut besonders, dass es sich um die Jesajarolle handelt, denn dort finden wir eine erstaunliche Prophetie auf den Kreuzestod von Jesus Christus, und dass er stellvertretend für die Sünde der Menschen gestorben ist. Lies Jesaja 53 hier.

1.3 Die Talmudisten und Masoreten – “Herren der Überlieferung”

Sobald eine Abschrift der hebräischen Bibel beschädigt war, wurde sie vernichtet, denn eine unleserliche Schrift birgt die Gefahr, dass es Abschreibfehler gibt. Deshalb gibt es so wenig erhaltene alte Schriften. Gleichzeitig ist diese Gepflogenheit aber auch eine Garantie dafür, dass die neu angefertigten Abschriften keine Fehler enthalten. Talmudisten nennt man die jüdischen Schreiber, welche die hebräische Bibel von 100 bis 500 n. Chr. abgeschrieben hatten und dafür sorgten, dass beschädigte Schriften vernichtet wurden. Die Masoreten sind die Abschreiber von 500 bis 900 n. Chr. Von den Masoreten weiß man am meisten über die Vorgehensweise, mit der sie sicherstellten, dass sich in die Abschriften keine Fehler einschlichen:

“Die Masoreten zählten alles in einem Text. Sie wussten z.B., dass die Tora, die ersten 5 Bücher des Alten Testaments, 304.805 Buchstaben und 79.847 Wörter enthält. Sie wussten, dass in der Mitte der Tora das Wort steht, das mit ‘suchte’ übersetzt wird (3. Mose 10,16). … Dadurch wurde der Text mit einer Perfektion überliefert, die ans Computer-Zeitalter erinnert, denn der Computer kontrolliert heutige Texte ebenfalls durch Zählen der verwendeten Zeichen und Wörter. Die Masoreten waren darum bemüht, dass nicht der kleinste Buchstabe noch der kleinste Teil eines Buchstabens vergehen oder verlorengehen sollte.”

Frederic G. Kenyon: Our Bible and the Ancient Manuscripts (Harper & Brothers, 1941 S. 38), zitiert bei M. Wahnschaffe (s.u., S. 90-91)

2. Die Überlieferung des Neuen Testaments

2.1 Die am besten bezeugte antike Schrift

Das Neue Testament (NT) ist die am besten bezeugte antike Schrift, was du an folgendem Vergleich sehen kannst:

Schriften des Platon7 Kopien, die älteste aus ca. 900 nach Chr. = 1200 Jahre alt
Neues Testament5700 Kopien, davon ca. 114 Fragmente aus dem 1. und 2. Jh. nach Chr.
Vergleich antiker Schriften

Ähnlich wie bei Platon sieht es bei anderen antiken Schriften aus, deren Korrektheit man üblicherweise nicht in Frage stellt.

Das älteste vollständige Neue Testament ist der Codex Vaticanus. Es befindet sich im Vatikan und wurde vermutlich um das Jahr 325 n. Chr. kopiert. 

2.2 Zitate der Kirchenväter

Aus den Schriften der sog. Kirchenväter vom 1. und 2. Jh. kann man große Teile des NT rekonstruieren (vgl. “Die Fakten des Glaubens”, 2003):

“Sir David Dalrymple wurde die Frage gestellt, ob man das NT aus den Schriften der Kirchenväter rekonstruieren könnte. Er kam nach umfangreichen Untersuchungen zu folgendem Schluss:

Diese Frage erweckte meine Neugier, und da ich alle existierenden Werke der Väter aus dem 2. und 3. Jh. besitze, fing ich an nachzuforschen, und bis jetzt habe ich das gesamte NT gefunden, außer elf Verse.“

Charles Leach: Our Bible, How we got it, S. 35f., zitiert hier

2.3 Trotz unterschiedlicher Lesarten genau überliefert

Manche sind verunsichert, weil es angeblich so viele Unterschiede in den Manuskripten gibt. Man spricht von “150.000 Lesarten”. Wie kann ich dann der Bibel vertrauen, die ich heute lese? Hierzu habe ich zwei Argumente:

  • M. Wahnschaffe erläutert in seinem Buch auf Seite 115, dass 142.000 dieser Lesarten Fehler beim Abschreiben sind, die keinerlei Auswirkung haben, z.B. falsch geschriebene Buchstaben, vertauschte Buchstaben, Verdopplungen von Buchstaben, Auslassungen einzelner Buchstaben, Abkürzungen oder falsch buchstabierte Wörter. Weitere 7.500 Lesarten sind Variationen in der Grammatik oder Orthographie, die den Sinn nicht verändern. So bleiben noch 500 Lesarten übrig, die eine genauere Untersuchung erforderten, und davon sind nur 50 von größerer Wichtigkeit. Doch auch diese 50, die man genau kennt, führen zu keiner Änderung der biblischen Lehre. Norman Geisler schreibt dazu: “Mathematisch würde das einen Text ergeben, der zu 98,33 Prozent rein ist.” (Geisler/Nix: A General Introduction to the Bible; zitiert bei M. Wahnschaffe auf S. 116).
  • Hätten wir nur 7 Kopien (wie bei Platon), und wären in diesen Kopien keine Unterschiede feststellbar, dann wäre das eher ein schlechtes Zeichen. Wer könnte uns garantieren, dass hier nicht manipuliert wurde? Dass wir bei der Bibel so viele kleinere Abweichungen haben, zeigt dass hier alles mit rechten Dingen zuging. Dadurch, dass die Abweichungen bekannt sind, ist das kein Problem.
  • Wir haben heute sehr viele Bibelübersetzungen, welche auf Basis der bekannten Lesarten erstellt wurden. Wir können uns, wenn wir wollen, genau informieren, wo es Unsicherheiten gibt, z.B. in der Elberfelder Bibel – NT, Textkritische Ausgabe.

3. Fazit: Die Bibel ist richtig überliefert und genau rekonstruierbar

Die bisher genannten Argumente bringen mich zu dem Ergebnis, dass ich der Überlieferung der Bibel vertrauen kann. Keine fundamentale Lehre des Christentums wird durch unterschiedliche Lesarten in Frage gestellt.

Welche Argumente gefallen dir am besten? Haben sie dich überzeugt? Habe ich ein wichtiges Argument vergessen? Ich freue mich über Kommentare zu diesem Artikel.

Anhang: Literaturverzeichnis

Natürlich habe ich diese Informationen aus vielen hilfreichen Büchern recherchiert. Darin finden sich noch viel mehr Hinweise zur Überlieferung der Bibel:

  • McDowell, Josh: Die Fakten des Glaubens (Hänssler, 2003)
  • McDowell, Josh: Die Bibel im Test (CLV, 9. Auflage 2002 als kostenloser Download)
  • Wahnschaffe, Mario: Mit Skeptikern im Gespräch – Schwierige Fragen an die Bibel (CLW Selbstverlag Bonn, 2019) – CLW Shop
  • Williams, Peter J.: Glaubwürdig – Können wir den Evangelien vertrauen? (cvmd Verlag, 2020)

Bildquellen

  • Papyrus Bodmer II (P66): Wikipedia (gemeinfrei)

You may also like

Hinterlasse einen Kommentar