Last Updated on 10. Juli 2026 by Andi
Was ist Demut eigentlich?
Gib bei Google „stolz werden“ ein: fast 175.000 Treffer. Dann „demütig werden“: knapp 8.000. Das sagt viel darüber aus, was unsere Gesellschaft für erstrebenswert hält, und was nicht.
Dabei ist Demut eine der faszinierendsten und missverstandensten Tugenden überhaupt. C. S. Lewis beschreibt den wirklich demütigen Menschen so:
„Der wahrhaft demütige Mensch erweckt keineswegs den Eindruck von Demut, den wir mit dem Wort heute verbinden. Er ist kein schmieriger, kriecherischer Typ, der uns ständig erzählt, dass er – natürlich – völlig unbedeutend sei. Im Gegenteil. Er wird auf uns eher den Eindruck eines aufgeschlossenen und heiteren Menschen machen, der sich wirklich für das interessiert, was andere ihm erzählen.“
C. S. Lewis (aus: Rikereads.com)
Genau so möchte ich demütig sein. Und genau darum habe ich das Buch „Demut – die vergessene Tugend“ von Wayne A. Mack gelesen.
Eine kurze Begriffsklärung vorweg: Im Deutschen ist „Stolz“ nicht grundsätzlich negativ – ein Angler ist stolz auf seinen Fang, das ist gut so. Wenn es um die Schattenseite geht, spreche ich deshalb lieber von „Hochmut“.
Demut dagegen meint etwas Aktives, Mutiges. Das Wort setzt sich aus „dio“ (Knecht, Diener) und „muot“ (Gesinnung) zusammen. Das Bibellexikon bringt es auf den Punkt:
Das deutsche Wort »Demut« ist ein aus »dio«, Knecht, Diener, und »muot«, Gesinnung, zusammengesetzter Begriff und bezeichnet die Gesinnung eines Dienenden oder den Mut zum Dienen. Demut meint keine passive Unterwürfigkeit, sondern eine aktive, mutige Handlung. Der Hochmütige hält mehr von sich, als er in Wirklichkeit ist.
Lexikon zur Bibel (SCM R. Brockhaus, 2021)
Demut bedeutet nicht, sich kleiner zu machen, als man ist, sondern das konsequente Bekenntnis zur eigenen Niedrigkeit, also zu der Stellung, die man vor Gott hat (bei Jesus bedeutet das: zum angenommenen Menschsein). Die Demut ist eine Art Aufrichtigkeit, ein Stehen in der Wahrheit. Dem, der seine Niedrigkeit nicht einsieht und anerkennt, kann Gott nicht sein Alles werden: »Den Demütigen gibt er Gnade« (1Petr 5,5; Jak 4,6; vgl. Hiob 22,29; Jes 57,15).
Demut ist also kein Schwächezeichen – sie ist ein Stehen in der Wahrheit. Wer demütig ist, schätzt sich nicht kleiner ein als er ist, sondern realistisch – im Vergleich zu Gott.
Hochmut: das Gegenteil
Lasst uns einen Blick auf das Gegenteil von Demut werfen. Spurgeon formulierte es sehr drastisch:
„Dieser Dämon ‚Stolz‘ (= Hochmut) wurde mit uns geboren und wird nicht eine Stunde vor uns sterben. Er ist so stark mit dem Geflecht unseres Charakters verwoben, dass er sich erst dann von uns trennt, wenn wir in unser Leichentuch gehüllt werden.“
Spurgeon, zitiert in „Demut – die vergessene Tugend“ von Wayne A. Mack, S. 11
Und C. S. Lewis schreibt:
„Es gibt keine andere Schwäche, die einen noch unbeliebter machen kann, keine Schwäche, die uns noch stärker auffällt. Und je stärker wir selbst davon betroffen sind, desto mehr missfällt sie uns bei anderen.“
C. S. Lewis, zitiert in „Demut – die vergessene Tugend“ von Wayne A. Mack, S. 54
Hochmut führt zu Fall – man denke an politische Despoten. Er trübt Entscheidungen, macht undankbar, verschließt das Herz für Gott und andere Menschen. Mack nennt ihn die Wurzel aller Sünde. Nicht umsonst heißt es:
„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“
Die Bibel in Jakobus 4, 6 und 1. Petrus 5, 5
In diese Falle möchte ich nicht tappen. Mir geht es beim Thema Hochmut wie Lewis: Ich erkenne ihn bei anderen schnell, bei mir selbst tue ich mich schwerer.
Wie Demut wirklich aussieht – gegenüber Gott und Menschen
Wayne Mack beschreibt Demut als eine Grundhaltung:
„Demut ist demnach eine Grundhaltung, bei der wir unsere persönliche Bedeutungslosigkeit und Unwürdigkeit vor Gott erkennen und Ihm höchste Ehre, Lob, Vorrechte, Rechte, Privilegien, Anbetung, Hingabe, Macht, Unterordnung und Gehorsam zuerkennen, die Er allein verdient.“
Wayne A. Mack, Seite 21
Das klingt radikal, deshalb habe ich „vor Gott“ fett markiert. Denn vor Menschen möchte ich nicht als bedeutungslos gelten, und ich denke, das ist auch nicht so gemeint. Es geht um die innere Haltung: Gott als Ursprung, Grundlage und Ziel aller Dinge anzuerkennen.
Gegenüber Menschen zeigt sich Demut praktisch: nicht angeben, nicht herablassen, bereit sein, Kritik anzunehmen. Johannes der Täufer ist ein schönes Beispiel: auf die Frage, wer er sei, antwortete er: „Ich bin nicht der Christus.“ Er richtete die Aufmerksamkeit weg von sich und auf Jesus hin.
Wirklich demütige Menschen wie z.B. Bonhoeffer oder Mutter Teresa zeichnen sich nicht durch Unterwürfigkeit aus, sondern durch innere Stärke. Sie knien vor Gott und stehen aufrecht vor Menschen.
Das Tal der Demut
Weil Gott Demut so hoch schätzt, führt er uns manchmal liebevoll dorthin, und zwar durch leidvolle Erfahrungen. Wayne Mack nennt das in Anlehnung an John Bunyans „Pilgerreise“ das „Tal der Demut“:
„Das Tal der Demut steht für die erniedrigenden Erfahrungen, die Gott in unserem Leben zulässt, um die Sünde des Stolzes auszulöschen und uns zu helfen, göttliche Demut zu entwickeln.“
Wayne A. Mack, S. 15
Das ist ein Trost, wenn ich mich mal wieder in so einem Tal befinde. Biblische Vorbilder wie Abraham, Joseph, Mose und David kannten es auch. Gott arbeitet dort. Nicht um uns zu brechen, sondern um uns zu formen.
Wie werde ich demütig – und was kann ich selbst dazu beitragen?
Hier wird es persönlich. Demut kann niemand aus eigener Kraft entwickeln. Die Grundlage ist ein neues Herz, das Gott schenkt, wenn wir glauben. Wir sind nicht sanierungsbedürftig, sondern erneuerungsbedürftig.
Aber wir können mitwirken. Mack nennt konkrete Schritte, und ich ergänze sie mit meinen eigenen Gedanken:
Über die Größe Gottes nachdenken – in der Bibel lesen, seine Schöpfung staunend betrachten. Jesus als Vorbild vor Augen halten: Er erniedrigte sich selbst und blieb dabei vollkommen standhaft. Das ist wahre Demut. Realistische Selbsteinschätzung üben, ohne zu verzweifeln, denn bei Gott ist immer Vergebung und Erneuerung möglich. Zeit mit demütigen Menschen verbringen, denn sie prägen uns. Und vielleicht der ehrlichste Tipp von Mack:
„Denke darüber nach, wie wenig du den Stolz bei anderen Menschen leiden kannst.“
Wayne A. Mack
Hast du das auch schon bemerkt?
Ein Weg, kein Ziel
Demut ist nichts, das man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist ein Weg, ein täglicher Prozess, bei dem wir immer wieder neu lernen, uns selbst richtig einzuschätzen, Gott zu vertrauen und anderen mit Respekt zu begegnen.
Mir ist beim Lesen dieses Buches aufgefallen, wie viel Hochmut in mir selbst noch steckt. Vielleicht ging es dir beim Lesen ähnlich? Dann bist du in guter Gesellschaft und auf dem richtigen Weg.
Denn Demut beginnt nicht mit Leistung. Sie beginnt mit einem ehrlichen Blick nach oben, zu Gott, und nach innen zu unserem Herzen.
Demut ist nicht für Helden. Sie macht Menschen zu Helden.
Der Link zum Buch: Wayne A. Mack – Demut, die vergessene Tugend (Amazon)
Bei der Kürzung dieses Artikels (ursprünglich doppelt so lange) half mir Claude.
Bildquellen / Image Sources
- Wayne Mack-1: Buchtitel Verlag CMV, Design mit Canva erstellt

1 kommentieren
Sehr inspirierend und herausfordernd!
Vielen Dank dafür, Andi!